Pressespiegel

Stadtmagazin 12/15


Aktuelle Ausgabe
12/15


Ein Tag an der Hans-Christian-Andersen Schule

Starke Kinder

Laute Musik, lachende Gesichter, trippelnde Füße. Doch plötzlich unterbricht die CD. Elf Zweitklässer erstarren wie auf Kommando und rufen aus vollem Hals: »Nein!« Stopptanzen mal anders. »Ich will die Kids erst in Schwung bringen, ehe wir gleich mit den Rollenspielen anfangen«, erklärt Präventionsexpertin Claudia Wieder. Im Zuge ihres mehrwöchigen Selbstbehauptungskurses an der Hans-Christian-Andersen Schule trainiert sie Förderschüler zu starken Kindern.

»Wer selbstbewusst ist, hat bessere Chancen«
Das durch die Gelsenwasser-Stiftung ›von klein auf‹ geförderte Konzept für die Klassen Zwei bis Vier ist nur eines von vielen verschiedenen Projekten im Jahreskalender der Förderschule mit dem Schwerpunkt Sprache in Deininghausen. »99 Prozent unserer Kinder wechseln nach dem Verlassen der HCA an eine allgemeine weiterführende Regelschule, meist die Sekundar- oder Gesamtschule. Da müssen sie sich im allgemeinen System behaupten. Wir wollen ihnen den Übergang erleichtern«, so Schulleiterin Rosie Uysal. Sie weiß: »Es erfordert Mumm, sich zu melden und zu sagen: ›Ich habe das nicht verstanden, erklären Sie  mir das bitte noch einmal!‹ Wer selbstbewusst ist und die eigenen Stärken kennt, hat bessere Chancen, die schulischen Anforderungen trotz Förderbedarf erfolgreich zu meistern. Darüber hinaus schützt sicheres Auftreten vor Mobbing, Ausgrenzung und Gewalt.«

Streit auf dem Schulhof: Knirpse mischen sich ein
Wie man sich verbal gegen Streithähne wehren und bestimmt ›Nein‹ sagen kann, warum Körpersprache und Blickkontakt dabei ganz wichtig sind, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen und dass man in kritischen Situationen auch seinem Bauchgefühl vertrauen sollte, all dies lernen die HCAler bei Claudia Wieser. Heute ist der vorerst letzte Termin des Klassenprojekts. Und dafür hat sie sich ein extraspannendes Rollenspiel ausgedacht. Die jungen Teilnehmer sollen sich gedanklich in eine Standardsituation auf dem Schulhof hineinversetzen: Ein Kind wird von anderen geärgert und muss ›gerettet‹ werden! »Ich höre oft: ›Da muss man helfen‹, aber gerade die Kleinen brauchen eine Anleitung, wie diese Hilfe überhaupt aussehen könnte«, so die Präventionstrainerin, die hauptamtlich beim Marcel-Callo-Haus beschäftigt ist. Josie hat eine Idee: »Hingehen und fragen: ›Was soll das? Warum macht ihr das?‹« Auch Antonia bringt einen guten Vorschlag: »Ich würde das Kind, das geärgert wurde, trösten.« Doch was kann man tun, wenn man sich nicht traut einzugreifen? Hier weiß Niklas Rat: »Den Lehrer holen. Oder Mama und Papa!« Denen kann und sollte man sowieso alles erzählen, was einen bedrückt. Als Vertrauenspersonen und Vorbilder ihrer Kinder werden die Eltern eng in viele Schulangelegenheiten einbezogen. So wurde im Vorfeld des Selbstbehauptungstrainings bereits ein Elternabend veranstaltet.

Sprachheilpädagogischer Unterricht
Als einzige Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Sprache im ganzen Ost-Vest hat die Hans-Christian-Andersen Schule ein weites Einzugsgebiet. 77 Kinder aus Castrop-Rauxel, Datteln, Waltrop und Oer-Erkenschwick werden täglich mit Schulbussen nach Deininghausen gebracht, um hier in kleinen Klassen von speziell geschulten Sonderpädagogen betreut und entsprechend ihres besonderen Förderbedarfs unterstützt zu werden. »Es ist nicht etwa so, dass unsere Kinder kein  Deutsch sprechen, vielmehr liegt eine verzögerte oder gestört verlaufende sprachliche Entwicklung vor«, betont Rosie Uysal. »Dahinter steht oft eine mangelhafte auditive Verarbeitung von Sprache, das heißt, die Schüler nehmen Sprache nicht so genau wahr wie ihre Altersgenossen, können Gehörtem nicht so gut folgen und benötigen länger, um sich sprachliche Lerninhalte dauerhaft zu merken. Der Wortschatz ist meist reduziert, das Sprachverständnis eingeschränkt, was bei längeren und komplexen Formulierungen mit unbekannten Begriffen oder Nebensätzen zu Problemen führt. Beim Sprechen treten häufig Abweichungen in Artikulation und Grammatik auf: Da heißt es dann beispielsweise ›Täfer‹ statt ›Käfer‹ oder ›Ich Schule gehen‹ statt ›Ich gehe zur Schule‹.« Um diesen Beeinträchtigungen Rechnung zu tragen, werden an der HCA spezielle sprachheilpädagogische Unterrichtsmethoden angewandt. »Zum Beispiel: Jeder Buchstabe wird einzeln eingeführt, zudem arbeiten wir mit besonderen Hilfestellungen wie Lautgebärden und sprachlich (nicht inhaltlich) vereinfachten   Texten.«  Der Unterricht erfolgt nach den Richtlinien  und Inhalten der allgemeinen Grundschule. Allerdings ist die Schuleingangsphase (Klassen Eins und Zwei) so angelegt, dass sie es den Kindern ermöglicht, dort drei Jahre im gleichen Klassenverband zu bleiben.

Mit Herz und kreativen Konzepten
Da die HCA die gleichen Regularien wie herkömmliche Grundschulen erfüllt, ist ein Wechsel ins konventionelle System jederzeit möglich. »Als ›Durchgangsschule‹ haben wir die Aufgabe, sprachliche Entwicklungsverzögerungen auszugleichen und die Kinder fit zu machen für ihre weiterführende Schullaufbahn«, so Rosie Uysal. Diesem Ziel widmet sich die Rektorin mit viel Herz und unkonventionellen Konzepten. Kreative und persönlichkeitsbildende Angebote zur Ergänzung des ›normalen‹  Unterrichts haben hier einen hohen Stellenwert. Während sich Niklas, Josie und Co. in Selbstsicherheit üben, wird ein paar Türen weiter für das Weihnachtskonzert geprobt: ›In der Weihnachtsbäckerei‹, schallt es aus dem Klassenzimmer, untermalt vom Rhythmus der Steelpans. ›Ran an die Pan‹ heißt das Programm der NRW-Initiative ›Kultur und Schule‹ unter der Leitung von Künstler und Musiklehrer Werner Weidensdorfer, das von den Schülern der Klassen Drei und Vier begeistert angenommen wird. Gerne nehmen die Schüler  auch an  Trainingseinheiten mit Therapiehund Maggie, dem Theaterworkshop und dem  Trampolinspringen teil: Wenn es die Geldmittel zulassen, sollen diese beliebten Projekte im Jahr 2016 weitergeführt werden. Ein absolutes Highlight hat darüber hinaus im Monat November stattgefunden: Drei Förderkinder haben sich erstmals und mit Erfolg am stadtweiten Vorlesewettbewerb beteiligt!

»Der Aufbau von Selbstbewusstsein ist natürlich eine Lebensaufgabe«, weiß Präventionstrainerin Claudia Wieser. »Aber man kann schon jetzt einige positive Veränderungen bemerken: Selbst die schüchternen und stillen Kinder trauen sich inzwischen, bei den Rollenspielen mitzumachen.« Diesen Eindruck kann Rosie Uysal nur bestätigen: »Es tut ihnen gut! Die Kids merken unheimlich schnell: ›Ich kann was!‹«

h-c-andersen-schule-castrop.de

Artikel von S. 15 in Ausgabe 106 (12/2015)

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Stadtanzeiger vom 25.1.2014:

Von Vera Demuth

Hans-Christian-Andersen-Schule: „Wir leisten jetzt schon einen Beitrag zur Inklusion“

Konrektorin Rosie Uysal von der Hans-Christian-Andersen-Schule ist es wichtig, die Kinder nicht aus dem Auge zu verlieren. Foto: Vera Demuth

„Wir leisten jetzt schon einen Beitrag zur Inklusion, da wir eine Durchgangsschule sind“, sagt Rosie Uysal, stellvertretende Leiterin der Hans-Christian-Andersen-Schule, Förderschule mit dem Schwerpunkt Sprache, in Deininghausen. Grundsätzlich bejaht die Pädagogin die Entwicklung hin zum inklusiven Unterricht an Regelschulen. Die Umsetzung betrachtet sie jedoch mit Sorge, da sie ihr zu schnell erscheine, erklärt sie im Stadtanzeiger-Gespräch.

Die Kinder, die die Hans-Christian-Andersen-Schule besuchen, haben vor allem Sprach­entwicklungsstörungen. „Sie haben Probleme bei der Aussprache, mit der Grammatik, einen geringeren Wortschatz und Schwierigkeiten beim Sprachverständnis“, erläutert Rosie Uysal. Hinzu kämen Probleme im auditiven Bereich, so dass die Kinder zum Beispiel Laute nicht gut unterscheiden könnten.
In der Förderschule lernen sie daher nicht nur den üblichen Unterrichtsstoff aller Grundschüler, sondern werden gefördert, damit sie spätestens nach der vierten Klasse auf eine allgemeine Schule der Sekundarstufe I wechseln können. Etwa 80 Prozent hätten dann keinen Förderbedarf mehr, so die Konrektorin.
„Unser Unterricht ist durchgehend sprachheilpädagogisch“, nennt Uysal ein Merkmal der Förderschule. Daneben nimmt jedes Kind eine Stunde pro Woche in einer Kleingruppe an einer speziellen Therapie teil. Insgesamt kümmern sich 14 Sonderpädagogen um die 88 Kinder, die die Hans-Christian-Andersen-Schule zurzeit besuchen. Das bedeutet auch kleine Klassen. „Pro Klasse sind es mindestens acht und maximal 14 Kinder“, so Uysal. Die Schulzeit betrage außerdem fünf Jahre, da alle Kinder zunächst in eine Eingangsklasse eingeschult würden, um die Voraussetzungen für ein erfolgreiches schulisches Lernen zu schaffen, beschreibt sie eine weitere Eigenschaft der Hans-Christian-Andersen-Schule.
Mit dem Inkrafttreten des Rechtsanspruchs auf inklusive Beschulung für die Jahrgangsstufen 1 und 5 ab dem Schuljahr 2014/15 vermutet Rosie Uysal, dass sie und ihre Kollegen in die Regelschulen geschickt werden, um dort Lehrer zu beraten und Kinder mit Förderbedarf zu unterstützen. „Schon jetzt bin ich beispielsweise drei Stunden pro Woche an der Franz-Hillebrand-Schule, um dort einen Schüler zu fördern.“
Sie nimmt an, dass immer mehr Sonderpädagogen an die Regelschulen kommen. „Die Stundenzahl wird zunehmen, bis die Sonderpädagogen fest an den Schulen bleiben.“
Aber noch sei vieles im Umbruch. Vieles sei noch nicht geklärt, so Uysal. Dies ist es, was ihr und ihren Kollegen Sorge bereitet. „Die notwendigen Bedingungen sind in den meisten Regelschulen bisher nicht gegeben, und es sieht auch nicht so aus, als ob dies schnell möglich wäre“, lautet ihre Einschätzung.„Und so lange die allgemeinen Schulen nicht so weit sind, sehen wir unsere Aufgabe darin, allen Kindern die gleichen Chancen zu geben.“
55 Schüler muss die Hans-Christian-Andersen-Schule, die 1982 eröffnet wurde, nachweisen, um ihren Bestand zu sichern. Mit Inkrafttreten des Rechtsanspruchs im Sommer sei die Förderschule nur noch eine Alternative für Eltern, so Uysal. Die stellvertretende Schulleiterin glaubt aber nicht, dass damit die Anmeldezahlen schlagartig nach unten gehen werden. „Ich gehe zwar davon aus, dass je besser die Inklusion an den Regelschulen wird, desto mehr Eltern sich dafür entscheiden werden“, sagt sie. Dafür sei aber viel Zeit und Erfahrung nötig.
Ganz wichtig ist es Uysal, bei dem Prozess die Kinder nicht aus den Augen zu verlieren. Denn grundsätzlich würde man im Kollegium der Hans-Christian-Andersen-Schule die Inklusion befürworten, „aber wir haben Sorge, dass Kinder, die integrativ beschult werden, nicht die Unterstützung bekommen, die sie brauchen.“
Denn der Prozess verlaufe zu schnell. „Man sollte erst die Voraussetzungen schaffen und dann die Maßnahme umsetzen, nicht umgekehrt“, macht sie deutlich.